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Kiesbeete in Wien: im Schotter der MA 42

Quo vadis Wien? Die MA 42 Kiesbeete und Schotterflächen in der Stadt
Seit einiger Zeit werden in Wien die Stadtbeete erneuert. Gerade die Grünflächen in einer Stadt wie Wien können einen erheblichen Einfluss auf die Artenvielfalt und auch die Lebensqualität haben. Im Grau der Straßenschluchten sind die Beete Inseln für eine Vielzahl von Tieren und auch Wildkräutern - solange sie von der Stadtverwaltung zugelassenHier kommt jedoch breitflächig eine neue Methode - oder Trend - zum Zug. Statt eines Untergrunds aus Erde werden jetzt alle Beete der Stadt Wien mit einem Schotteruntergrund ausgestattet. Dieser Trend geht nun schon seit mehreren Jahren vor sich. Vor circa 3 Jahren hatte ich schon Kontakt zu den Wiener Stadtgärten (MA 42). Versprochen wurde in einer Antwort der MA42 dass diese neuen Schotterbeete in Wien nicht nur innerhalb von 2 Jahren komplett zugewachsen werden, sondern auch dass diese Form für mehr Biodiversität in der Stadt sorgt.

Nach nun 3+ Jahren der Beobachtung und des Monitorings, bzw. der Dokumentation von Kiesbeeten in den Apps "Naturkalender ZAMG" und seit neuerdings ebenfalls hier in "NatureSpots" muss ich leider ein negatives Resümee ziehen und hoffe inständig, dass dies auch gehört wird.

Eine Langzeit-Beobachtungen der Schotterbeete in Wien

Meine Langzeitreihen dokumentieren klar, dass die Schotterbeete in Wien genau bleiben was sie vorher schon sind - eben Schotter. Durch das Granulat (angeblich eine Spezialerfindung) wird im Endeffekt verhindert, dasz sich Wildkräuter und natürlich vorkommende Pflanzen ansiedeln. Die Biodiversität - auch auf älteren Schotterflächen - ist leider gering. Es existieren auch keine Rückzugsorte für Kleintiere wie Insekten, Spinnen, oder Bodenlebenwesen. Sprich - es entstehen hier Wüsten.

Diese Zeitreihe in der NatureSpots App dokumentiert das sehr gut: https://www.spotteron.com/naturespots/spots/384691

Diese Langzeitbeobachtung nun seit dem Jahr 2019 entstanden. Wie man sehen kann hat sich der Kiesboden selbst kaum verändert, der Schotter ist nicht zugewachsen und hat keine natürliche Schicht aufbauen können. Als das zuvor grüne und naturnahe Beet (sogar mit Brennnesseln und Narzissen) in eine Kiesbeet umgestaltet wurde, haben ich auch die zuständige Magistratsabteilung MA 42, Stadtgärten Wien kontaktiert und folgendes Feedback erhalten.

Vielen Dank für Ihr Schreiben und Ihr Interesse an öffentlichen Grünflächen. Ihre Zusendung vom 4. Februar ist offensichtlich an einer Stelle „hängen" geblieben. Es wird deshalb um Entschuldigung bzgl. der verspäteten Rückmeldung ersucht. Hinsichtlich Ihrer Anfrage darf generell angemerkt werden, dass die Wiener Stadtgärten sowohl bei Saisonbepflanzungen und dauerhaften Flächenpflanzungen, als auch bei Baumpflanzungen auf größtmögliche Artenvielfalt und in besonderer Weise auf den Aspekt der Insektenweide Wert und Beachtung legen. Der zweite Aspekt von großer Bedeutung für die dauerhafte Etablierung einer städtischen Grün-/ Blühfläche stellt die Auswahl von robusten , das Stadtklima verträglichen, Pflanzenarten dar. Bei den von Ihnen erwähnten Kiesflächen handelt es sich um eine spezielle Zusammenstellung einer Vielzahl von mehrjährigen Blütenstauden ( 25 bis 30 verschiedene Arten bzw. Sorten / Mischung, zusätzlich einige Zwiebelgewächse), welche in ein spezielles Substrat gepflanzt werden. Die von Ihnen beobachtete Kiesoberfläche stellt lediglich die Mulchschicht dar. Durch die hohe Pflanzenvielfalt innehrhalb einer Mischung kommt es zu einem ständig wechselnden Bild im Jahresverlauf, von den zeitigen Frühjahrsblühern bis zu den Gräserständen im Herbst bzw. sogar im Winter. Auftretende Lücken durch Pflanzenausfälle werden ebenfalls durch die spezielle Pflanzenauswahl ( Selbstaussaat, Ausläufer, etc.) wieder geschlossen und es ergibt sich somit über einige Jahre hindurch ein immer üppiger werdendes Pflanzenbild. Das abgemagerte Substrat entsprich in hohem Maß dem ursprünglichen Standortbedingungen dieser naturnahen Blütenstauden, welche als besonders insektenfreundlich gelten, und trägt damit zur Robustheit und Langlebigkeit der Pflanzen entschieden bei. Um ihre volle Wirkung zu entfalten, benötigen die Stauden jedoch mindestens ein bis zwei Vegetationsperioden, weshalb, wie bei allen Neupflanzungen, um etwas Geduld ersucht wird. Um Ihnen einen Eindruck zu verschaffen, wie das Endergebnis aussieht, dürfen Bilder übermittelt werden.

MA 42, Wiener Stadtgärten

Die übermittelten Bilder zeigen komplett zugewachsene Beete mit vielen Blühstauden und Variationen im Pflanzenbewuchs. Nur zeichnen leider die Kiesbeete in Wien auch nach mehreren Jahren ein ganz anderes Bild. Hier im direkten Vergleich, das Kiesbeet links ist dabei kein neu angelegtes, sondern seit vielen Jahren in diesem Zustand:

Bildmaterial der MA42
Kiesbeet in 1070 Wien nach 3+ Jahren

 Der Schotter der Kiesbeete

An mehreren Kiesbeeten in 1080 Wien habe ich testweise auch in die Tiefe gegraben. Der Schotter ist keine Oberflächenabdeckung, sondern zieht sich weit in die Tiefe des Beets. Auch wie von der MA 42 beschreiben dass es sich hier nur um eine Schicht handelt entspricht nicht den Tatsachen. Es gibt im Schotter auch kein natürliches Bodenleben oder gar die Möglichkeit für Kleintiere wie Insekten, Spinnen oder Bodenbewohner zu überleben.

Naturnahe Bepflanzung in den Stadtbeeten mit Schotter?

Soweit eine Recherche gezigt hat wurde das Konzept gemeinsam mit der HBLFA Schönbrunn Gartenbau entwickelt. Auf der Homepage unter Garten- und Landschaftsgestaltung > Projekte findet man auch die Erwähnung von speziellen, naturnahen Pflanzenmischungen für trockene Standorte. Ich hoffe ich irre mich nicht und falls es eine Rückmeldung der HBLFA Schönbrunn gibt, werde ich diese selbstverständlich hier anfügen.

Pflanzenmischungen für trockene Standorte in der Stadt
Bei der Zusammenstellung von Mischpflanzungen wird vom Projektpartner, MA 42 - Wiener Stadtgärten, großer Wert auf die Verwendung angepasster und langlebiger gärtnerischer Arten und Sorten gelegt. Das Ziel ist eine generelle Abkehr der Stadt von pflegeaufwendigen Blumenrabatten hin zu resilienten und pflegarmen Pflanzungen. Wir änderten fünf bereits entwickelte Mischpflanzungstypen so, dass sie in den heißen und trockenen Sommern in Wien und Ostösterreich auch ohne Bewässerung gut gedeihen. Die Pflanzung erfolgte in ein Spezialsubstrat, das schon im vorangegangenen Projekt entwickelt wurde. Die Pflanzen werden über einen Zeitraum von fünf Jahren hinsichtlich einer Vielzahl von Faktoren bewertet und optimiert. Die Mischungen stehen für interessierte Gemeinden zur Verfügung.

https://www.gartenbau.at/forschung/Garten--und-Landschaftsgestaltung/Projekte-SSB.html

Hier beginnt die Sache allerdings einen weiteren Hacken zu haben. Die Bepflanzungen in der Stadt Wien zeigen hier wenig Nähe zur Natur. Die verwendeten Stauben sind keine einheimischen Pflanzenarten, die dann auch einen positiven Einfluss auf die Biodiversität in der Stadt haben. Was die Problematik noch dramatischer macht ist, dass anscheinend die Beete zusätzlich "über"pflegt werden. Wildkräuter und Selbstaussaat wird soweit ich beobachten konnte von der MA 42 ausgerissen und entfernt. So kann auch kein natürlicher Bewuchs entstehen, der wiederum eine gesunde Bodenschicht entstehen lässt. Das sieht dann auch nach mehreren Jahren so aus:

Standort: 1070 Wien, Spittelberg

Wenn man nur 1-2 Gehminuten entfernt einen Blick auf die Beete vor der Stift-Kaserne wirft, zeigt sich ein komplett anderes Bild. Hier ist keine hemmende Schotterschicht und es werden auch Wildpflanzen wie natürliche Gräser, Löwenzahn, Gänseblümchen, Vogelmiere und viele mehr einfach zugelassen. Was entsteht ist ein wunderbar grüner Anblick, der nicht nur das Auge rund um das Jahr erfreut, sondern eben auch für Tierarten und der Natur in der Stadt einen Lebensraum bietet. Man sieht: es geht auch anders!

Die Fotos vom Kiesbeet und dem naturnahen Beet entstanden übrigens zur selben Zeit. Auch andere Beete in der Umgebung, die nicht vom Kies betroffen sind, zeigen einen gesunden Bewuchs, naturnahe Bodenoberflächen mit Pflanzenresten, Nischen und einen Raum für Wildkräuter und heimische Blühpflanzen.

Die Ausbreitung des Schotters

Ich selbst konnte die Wüstenbeete in den Bezirken 1070, 1080 und 1060 Wien beobachten. Erste Rückmeldungen von anderen BeobachterInnen zeigen dass sich leider auch in anderen Bezirken derartige Umgestaltungen befinden oder im Gange sind. Sowohl neben grossen Fahrbahnen wie in der Burggasse und in Seitengassen werden Kiesbeete angelegt, und sogar in den Parks werden Grünflächen in graue Wüsten verwandelt. Hier ein kleiner Auszug: 

An manchen, extrem sonnenexponierten Orten mag ein Kiesbeet mit einer entsprechenden Bepflanzung ja sinnvoll sein, nur leider wird diese "Technik" in Wien mittlerweile überall eingesetzt. Ich werde die MA 42 mit Hilfe dieses Blog-Eintrags noch einmal um eine belegte Begründung- oder um eine Korrektur der Strategie - bitten. Es scheint hier jedoch leider etwas aus dem Ufer geraten zu sein. Es werden sogar die Grasbüschel gestutzt. Im Artikel auf "Mehr Grün für die Stadt" auf derstandard.at kam es auf meine Frage ob diese Kiesbeete auch in anderen Bezirken zu finden sind zu Rückmeldungen der User:innen.

Warum dann überhaupt Kiesbeete in Wien?

Ich vermute es geht um die Kontrolle darüber, welchen Pflanzenarten es erlaubt ist, in den Beeten der Stadt Wien zu wachsen. Dass das dann keine wilden Pflanzen sein dürfen liegt leider nahe und scheint gewollt. Darunter leidet jedoch die gesamte Nahrungskette der Lebenwesen, um deren Bestand wir doch eigentlcih kämpfen müssen. Von Schmetterlingen über Käfer, von Singvögel bis hin zu Kleinsäuger - eine naturnahe Gestaltung von Grünflächen in der Stadt kann einen erheblichen Einfluss darauf haben, welche Arten überleben und was wir ausrotten. Die Nahrungskette beginnt im Kleinen und hier bilden naturnahe Flächen in der Stadt die Basis. Wir leben in Zeiten des grossen Insektensterbens. Überall geht die Artenvielfalt verloren und in Wien reduzieren wir immer mehr mögliche Orte für zumindest etwas Wildwuchs auf solche toten Schotterflächen.

Auch gerade in Zeiten der globalen Erwärmung und der beginnenden Klimakrise sind solche Umsetzungen vermutlich nicht die klügste Wahl - besonders wenn das Pflanzkonzept in der Praxis einfach nicht funktioniert. Die Kiesoberfläche reflektiert die Hitze und wird so auch dazu betragen, dass sich unsere Stadt im Klimawandel weiter aufheizt. Warum hier zusätzliche Wüsten geschaffen werden ist mir ein Rätsel. Zusätzlich haben die meisten Schotterbeete in Wien ein Müllproblem. Der Kies macht es schwerer, Zigarettenstummel und Kleinmüll zu entfernen oder überhaupt zu sehen. Aktuell werden die Beete vielerorts auch mit Holzzäunen umgeben, weil es einfach nicht möglich war, hier Hundehaufen und Müll auch wieder zu entfernen.

Wenn Euch diese Kiesbeete in eurer Umgebung ebenfalls negativ auffallen, schreibt bitte der MA 42 und der Stadt Wien und bittet um eine Rückmeldung! Falls du ein Feedback erhältst kannst du das auch hier in diesem Blogeintrag als Kommentar hinzufügen - danke!

  • Telefon: +43 1 4000-8042
  • E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Und sind Euch ebenfalls Schottergärten in Wien oder anderen Städten aufgefallen?
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